Interview mit Wolfgang Kaes


Sie sind Journalist. Warum schreiben Sie Romane?

Weil sich manche Themen auf 350 Buchseiten verständlicher, begreifbarer, emotional nachvollziehbarer darstellen lassen als in 120 Zeitungszeilen.

Ihr Buch „Das Gesetz der Gier“ ist in der Modewelt angesiedelt…

Ja. Aber das Hauptthema dieses Buches, die brutale Schattenseite der Globalisierung und die mitunter kriminellen Folgen für unsere Gesellschaft, ließe sich auch in jeder anderen Branche darstellen. In der Textilindustrie ist es allerdings besonders plastisch darstellbar und damit nachzuvollziehen. Schauen Sie mal nach der Lektüre auf die Etiketten der Kleidung in Ihrem Schrank.

Ihr Buch „Bitter Lemon“ beschäftigt sich mit dem Thema Menschenhandel und spielt in Köln…

Das Buch könnte ebenso gut an jedem anderen Ort der Welt spielen, denn das Thema spiegelt ein allgegenwärtiges Problem. Aber so wie ich für meine Bücher nur Themen aufgreife, die ich zuvor gründlich recherchiert habe, so wähle ich grundsätzlich nur Schauplätze aus, die ich gut kenne. Meine Geschichten sind zwar fiktiv, aber wahrhaftig.

Was hat Sie an dem Thema Menschenhandel interessiert?

Sklavenhandel wäre der bessere Begriff, um diese weltweite Tragödie zu beschreiben. Aber vor diesem Begriff scheuen die Politiker zurück – vielleicht, weil er so hässlich klingt. Noch nie in der Menschheitsgeschichte, weder in der Antike noch zur Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs, gab es auf diesem Planeten in absoluten Zahlen mehr Sklaven als heute, im Zeitalter der Globalisierung. Derzeit leben weltweit mehr als 27 Millionen Menschen in Sklaverei. Der weltweite Jahresgewinn beim Handel mit der Ware Mensch wird auf 32 Milliarden US-Dollar geschätzt. Damit ist der Sklavenhandel inzwischen bereits lukrativer als der illegale Handel mit Waffen.

Ein Dritte-Welt-Problem?

Das wäre zu einfach. Die Sklaverei ist die hässliche, aber geduldete Schattenseite der Globalisierung. Sklaven schürfen in Afrika nach Gold und Diamanten für den Weltmarkt, Sklaven aus Lateinamerika schuften in den besseren Vierteln US-amerikanischer Großstädte als Hausdiener, Sklaven schlagen in indischen Gruben Pflastersteine, die anschließend für teures Geld in deutschen Baumärkten verkauft werden. In Afrika werden Kinder aus Dörfern geraubt und zu Soldaten abgerichtet, zu Killermaschinen. Pro Jahr werden etwa 30.000 Frauen und Mädchen aus Osteuropa nach Deutschland geschleust und hier zur Prostitution gezwungen. Bevor sie am Zielort eintreffen, wurden die meisten während ihrer Odyssee nach Westen bereits mehrfach vergewaltigt, um ihren Willen zu brechen.

Wie ließe sich das Problem lösen?

Da gibt es viele Ansätze. Armut und mangelnde Bildung sind Nährböden der Sklaverei. Ferner hat die EU-Erweiterung nach Osten sämtliche Schleusen geöffnet. Deutschland hat jetzt eine gemeinsame Außengrenze mit Moldawien – eines der ärmsten Länder der Welt. Dort kann man eine Frau zum Preis eines gebrauchten Lada kaufen – wohlgemerkt: kaufen, nicht mieten. Der Käufer vermietet die Frau dann an seine Kunden. Drittens: Auch der Handel mit Zwangsprostituierten funktioniert nach den Spielregeln des Kapitalismus. Einen Markt gibt es nur, weil es eine Nachfrage gibt. Auch in Deutschland.

Sie haben also eine Botschaft? Eine Mission?

Nein. Vielleicht eine Aufgabe. Als Journalist will ich informieren, und als Buchautor eine Geschichte erzählen. Wenn die Leser nach der Lektüre das Buch mit dem Gefühl weglegen, einen kleinen Ausschnitt der Welt nun etwas besser zu verstehen, dann freut mich das sehr. Dann hat sich die Arbeit gelohnt. Damit dies aber überhaupt passiert, müssen die Leser das Buch bis zur letzten Seite gelesen haben. Das tun sie aber nur, wenn sie sich während des Lesens gut unterhalten fühlen. Ich hoffe, diese Aufgabe mit meinen Romanen besser erfüllen zu können, als ich dies mit Sachbüchern könnte.

Und warum Kriminalromane beziehungsweise politische Thriller?

Weil man über das seit Kain und Abel stets aktuelle Konfliktfeld Gut-Böse so viel über die Menschen lernen kann. Erst in extremen Ausnahmesituationen erfahren wir, ob Worthülsen wie Liebe, Freundschaft oder Solidarität mit Leben erfüllt sind. Das Verbrechen ist leider so alt wie die Menschheit – und gehört wohl zum Menschsein dazu. Noch keine Gesellschaftsordnung hat es geschafft, Verbrechen zu eliminieren.

In welchem Verhältnis stehen Realität und Fiktion in Ihren Büchern?

Das lässt sich nicht in Prozent beschreiben. Am Anfang steht das Thema. Dann folgt die Recherche; ein langwieriger Prozess. Studium der Fachliteratur, Gespräche mit Experten. Darüber gehen Monate ins Land. Erst wenn ich sicher bin, alles Wesentliche über das Thema zu wissen, entwerfe ich die dazu passende Struktur einer fiktiven Geschichte: Figuren, Schauplätze, Schlüsselszenen, Dramaturgie. Das dann folgende Schreiben ist im Vergleich zur Recherche der geringere Teil der Arbeit.