Wie es zu „Spur 24“ kam


In eigener Sache: Wie es zu „Spur 24“ kam

Seit 1980 arbeite ich als Journalist. Ich habe keine Ahnung, wie man Radio oder Fernsehen oder Online-Journalismus macht. Weil ich nichts anderes gelernt habe als Zeitungmachen. Ich liebe bedrucktes Papier, das man anfassen kann. Das gilt für Zeitungen wie für Bücher. Ich bin so altmodisch und weder bei Twitter noch bei Facebook gemeldet. Ich auch will nicht glauben, dass Maximal-80-Zeilen-Häppchen-Journalismus das gedruckte Medium retten wird. Ich will weiter glauben, dass nur Qualität eine Zukunft hat.

„Spur 24“ ist mein siebter Roman. Der erste („Todfreunde“) erschien 2003 bei Rowohlt. Allmählich gewöhne ich mich daran, Schriftsteller genannt zu werden. Auch wenn ich mich selbst nach wie vor als Reporter sehe, der hin und wieder das Buch als Medium nutzt. Ich brauche etwa zwei Jahre für ein Buch: ein Jahr Recherche, dann ein Jahr Schreibarbeit. Erst wenn ich denke, alles zu wissen, was Fachliteratur, Gespräche mit Experten und nicht zuletzt eigene Anschauung zu einem gesellschaftspolitisch relevanten Thema vermitteln können, entwickle ich eine fiktive Handlung und Figuren, die das Thema transportieren.

Als ich mich vor 34 Jahren für den Beruf des Reporters (und erst kurz vor dem Abi gegen den Beruf des Kriminalpolizisten) entschied, dachte ich, Journalismus könnte die Welt verändern und zum Besseren wenden. Vielleicht eine etwas blauäugige Sicht. Heute, als 56-jähriger Chefreporter des Bonner General-Anzeiges, denke ich: Hin und wieder kann er das tatsächlich.

Alles begann mit einem Irrtum bei der Postsortierung. In der zweiten Dezemberwoche des Jahres 2011 landete auf meinem Schreibtisch in der Redaktion (statt gleich ordnungsgemäß in der Anzeigenabteilung) eine amtliche Bekanntmachung. Sie kennen vermutlich diese nur mit der Lupe lesbaren Rubriken: Zwangsversteigerungen, Insolvenzen – man ahnt, dass hinter jeder Zeile ein Drama steckt. Ich muss gestehen: Meistens lese ich sie nicht – wenn sie mir nicht gerade so aufdringlich auf den Schreibtisch flattern wie in diesem Fall.

Die Bekanntmachung stammte vom Amtsgericht einer Kleinstadt in der Nähe von Bonn: Eine seit 21. März 1996 verschollene Frau namens … solle bitteschön binnen genannter Frist „im 1. Stock, Zimmer 207 des o.g. Gerichts“ erscheinen, weil sie anderenfalls für tot erklärt werde. Damit war § 24 des Vorschollenheitsgesetzes Genüge getan. Vielleicht war es der feste Glaube, dass es keine Zufälle gibt im Leben, und dass die acht dürren Zeilen aus gutem Grund auf meinem Schreibtisch gelandet sein mussten. Vielleicht war es die Fassungslosigkeit angesichts des bizarren Juristendeutschs. Vielleicht war es auch der Umstand, dass unser elektronisches Zeitungsarchiv diesen Vermisstenfall nicht kannte. Jedenfalls war diese amtliche Bekanntmachung Auslöser einer viermonatigen Recherche, die schon gleich mysteriös begann: Auch die Polizei kannte diesen Fall angeblich nicht; es existierte jedenfalls keine Akte im Archiv des Präsidiums.

Was sich für Sie bislang lesen muss wie der Einstieg in einen mit Klischees überfrachteten schlechten Roman, war für mich der Einstieg in einen vier Monate währenden Alptraum. Schlaflose Nächte, bohrende Selbstzweifel, ignorante bis zunehmend verärgerte staatliche Behörden, merkwürdige Anrufe, sorgsam gewahrte Kleinstadtgeheimnisse, der Blick in seelische Abgründe.

Und eine verzweifelte Opferfamilie, 16 Jahre lang allein gelassen mit der quälenden Ungewissheit, die mich bald als den journalistischen Messias sah, der nun endlich Licht ins Dunkel bringt. Eine Rolle, wie geschaffen, um an ihr zu scheitern. Ich sah lange Zeit kein Licht mehr. Ich machte einfach nur weiter, wie im Fieberwahn, Tag und Nacht. Bis dann der 16. April 2012 die grauenhafte Wahrheit ans Licht brachte. Und ich Menschen, die mir vier Monate zuvor noch völlig unbekannt gewesen waren, eine so furchtbare Nachricht überbringen musste.

Was anschließend geschah, habe ich nur noch wie im Nebel wahrgenommen: Gast bei Plasberg und zusammen mit dem Bruder des Opfers bei Maischberger, „Journalist des Jahres“ im MediumMagazin, die Verleihung des Henri-Nannen-Preises für investigative Recherche, die höchste Auszeichnung, die der deutsche Journalismus und die Jury rund um Giovanni di Lorenzo zu vergeben hat.

Die Opferfamilie fragte mich, ob ich nicht ein Buch in Anlehnung an das Erlebte machen wolle. „Sie sind doch Schriftsteller.“ Ich habe lange gezögert. Ich wusste wirklich nicht, ob ich die dicken Akten mit meinem Recherchematerial noch einmal aus dem Schrank hervorholen wollte. Schließlich aber habe ich gemeinsam mit meiner wunderbaren Lektorin Grusche Juncker eine Konzeption entwickelt, mit der ich leben konnte. Dazu gehörte, eine Frau als Protagonistin zu wählen, damit ich während des Schreibprozesses die für mich wichtige emotionale Distanz zu dem halten konnte, was ich real erlebt habe und zum Teil erhebliche Spuren auch auf der Seele hinterlassen hat.

Dennoch ist mir das Schreiben – aufgrund dieser persönlichen Verwicklung in die Stoffvorlage – noch nie so schwer gefallen wie bei der Arbeit an diesem Buch. Ein Roman, erst recht ein Roman im Genre Spannungsliteratur, verlangt überraschende Wendungen und dramatische Konflikte, wie sie das reale Leben selten in dieser Dichte und Taktfolge bietet. Zudem lehrt die Erfahrung des Schreibens, dass Wahrheit und Glaubwürdigkeit zwei völlig verschiedene Paar Schuhe sind: Nicht alles, was durchaus glaubwürdig und plausibel erscheint, ist tatsächlich auch wahr, und umgekehrt klingt vieles, was absolut wahr ist und sich genau so zugetragen hat, als wenig authentisch oder sogar völlig unglaubwürdig.

Zugleich sollte „Spur 24“ dem realen Fall eng verbunden bleiben, journalistisch redlich in seiner geschilderten Grundstruktur. So kann aus gar nicht ausbleiben, dass Geschehnisse im Roman, die Sie bei der Lektüre als authentisch empfinden, im Interesse der Dramaturgie oder aus rechtlichen Gründen frei erfunden sind, andere hingegen, die Sie vielleicht misstrauisch die Stirn runzeln lassen, absolut wahr sind und sich exakt so zugetragen haben. Ersteres freut mich als Schriftsteller, letzteres bedaure ich als Reporter, beklage es aber nicht, weil es so sein muss.

Ich hoffe aber, es ist mir gelungen, dass Leserinnen und Leser durch die Lektüre eine Ahnung davon entwickeln, wie viele Verbrechen mit tödlichem Ausgang in Deutschland erst gar nicht als solche erkannt werden (Forensiker schätzen: rund 1000 pro Jahr), welche haarsträubende Gratwanderung der Gesetzgeber den Ermittlungsbehörden bei der Bearbeitung von Fällen vermisster Erwachsener aufbürdet und welches unglaubliche Martyrium die Angehörigen von Langzeitvermissten erwartet: Die üblichen Rituale des Trauerns und Abschiednehmens bleiben ihnen versagt, das soziale Umfeld geht zunehmend auf Distanz, während die von sozialer Isolation bedrohten Angehörigen weiter mit den spurlos Verschwundenen leben. Nicht nur bei jeder Familienfeier sind sie als Schattenmenschen zugegen, sitzen mit am Tisch. 3000 Langzeitvermisste, 3000 solcher Schattenmenschen verzeichnet die Statistik des Bundeskriminalamtes alleine für Deutschland.

Ferner hoffe ich, dass „Spur 24“ trotz dieser oben geschilderten außergewöhnlichen Begleitumstände ein gutes, ein unterhaltsames, ein im besten Sinne spannendes Buch geworden ist.

Aber das können nur Sie entscheiden.

Bonn, 31. März 2014

Wolfgang Kaes