Wolfgang Kaes im Interview

Sie sind Journalist. Warum schreiben Sie Romane?
Weil sich manche Themen auf 400 Buchseiten verständlicher, begreifbarer, emotional nachvollziehbarer darstellen lassen als in 120 Zeitungszeilen.
Wie kam es zu Ihrem Roman „Spur 24“?
Als ich mich als junger Mensch für den Beruf des Reporters entschied, dachte ich, Journalismus könnte die Welt verändern und zum Besseren wenden. Vielleicht eine etwas blauäugige Sicht. Heute denke ich: Hin und wieder kann er das tatsächlich. Alles begann mit einem Irrtum bei der Postsortierung. Im Dezember 2011 landete auf meinem Schreibtisch in der Redaktion (statt gleich ordnungsgemäß in der Anzeigenabteilung) eine amtliche Bekanntmachung. Sie kennen vermutlich diese nur mit der Lupe lesbaren Rubriken: Zwangsversteigerungen, Insolvenzen – man ahnt, dass hinter jeder Zeile ein Drama steckt.
 Und was stand in der Bekanntmachung?
Sie stammte vom Amtsgericht einer Kleinstadt in der Nähe von Bonn: Eine seit dem 21. März 1996 verschollene Frau solle sich bitteschön „im 1. Stock, Zimmer 207 des o.g. Gerichts” einfinden, weil sie anderenfalls für tot erklärt werde. Damit war § 24 des Verschollenheitsgesetzes Genüge getan. Vielleicht war es der feste Glaube, dass es keine Zufälle gibt im Leben, und dass die acht dürren Zeilen aus gutem Grund auf meinem Schreibtisch gelandet sein mussten. Vielleicht war es die Fassungslosigkeit angesichts des bizarren Juristendeutschs. Vielleicht war es auch der Umstand, dass unser elektronisches Zeitungsarchiv diesen Vermisstenfall nicht kannte. Die amtliche Bekanntmachung war Auslöser einer viermonatigen Recherche, die schon gleich mysteriös begann: Auch die Polizei kannte diesen Fall angeblich nicht; es existierte jedenfalls keine Akte im Archiv des Präsidiums.
 Was passierte dann?
Ein vier Monate währender Alptraum. Schlaflose Nächte, bohrende Selbstzweifel, ignorante bis zunehmend verärgerte staatliche Behörden, merkwürdige Anrufe, sorgsam gewahrte Kleinstadtgeheimnisse, der Blick in seelische Abgründe. Und eine verzweifelte Opferfamilie, 16 Jahre lang allein gelassen mit der quälenden Ungewissheit, die mich bald als den journalistischen Messias sah, der nun endlich Licht ins Dunkel bringt. Eine Rolle, wie geschaffen, um an ihr zu scheitern. Ich sah lange Zeit kein Licht mehr. Ich machte einfach nur weiter, wie im Fieberwahn, Tag und Nacht. Bis dann der 16. April 2012 die grauenhafte Wahrheit ans Licht brachte. Und ich Menschen, die mir vier Monate zuvor noch völlig unbekannt gewesen waren, eine so furchtbare Nachricht überbringen musste.
 Wie kam es dann zur Umsetzung als Roman?
Die Opferfamilie fragte mich, ob ich nicht ein Buch in Anlehnung an das Erlebte machen wolle. „Sie sind doch Schriftsteller.” Ich habe lange gezögert. Ich wusste wirklich nicht, ob ich die Akten mit meinem Recherchematerial noch einmal aus dem Schrank hervorholen wollte. Schließlich habe ich eine Konzeption entwickelt, mit der ich als Journalist und als Schriftsteller leben konnte. Dazu gehörte, eine Frau als Protagonistin zu wählen, damit ich während des Schreibprozesses die für mich wichtige emotionale Distanz zu dem halten konnte, was ich real erlebt habe und zum Teil erhebliche Spuren auch auf der Seele hinterlassen hat.
 Inwieweit unterscheidet sich das journalistische Schreiben vom Schreiben eines Romans?
Ein Roman, erst recht ein Roman im Genre Spannungsliteratur, verlangt überraschende Wendungen und dramatische Konflikte, wie sie das reale Leben selten in dieser Dichte und Taktfolge bietet. Zudem lehrt die Erfahrung des Schreibens, dass Wahrheit und Glaubwürdigkeit zwei völlig verschiedene Paar Schuhe sind: Nicht alles, was durchaus glaubwürdig und plausibel erscheint, ist tatsächlich auch wahr, und umgekehrt klingt vieles, was absolut wahr ist und sich genau so zugetragen hat, als wenig authentisch oder sogar völlig unglaubwürdig. Zugleich sollte „Spur 24“ dem realen Fall eng verbunden bleiben, journalistisch redlich in seiner geschilderten Grundstruktur. So kann aus gar nicht ausbleiben, dass Geschehnisse im Roman, die Sie bei der Lektüre als authentisch empfinden, im Interesse der Dramaturgie oder aus rechtlichen Gründen frei erfunden sind, andere hingegen, die Sie vielleicht misstrauisch die Stirn runzeln lassen, absolut wahr sind und sich exakt so zugetragen haben. Ersteres freut mich als Schriftsteller, letzteres bedaure ich als Reporter, beklage es aber nicht, weil es so sein muss.
 Was wollten Sie neben der eigentlichen Geschichte vermitteln?
Ich hoffe, es ist mir gelungen, dass Leserinnen und Leser durch die Lektüre eine Ahnung davon entwickeln, wie viele Verbrechen mit tödlichem Ausgang in Deutschland erst gar nicht als solche erkannt werden (Forensiker schätzen: rund 1000 pro Jahr), welche haarsträubende Gratwanderung der Gesetzgeber den Ermittlungsbehörden bei der Bearbeitung von Fällen vermisster Erwachsener aufbürdet und welches Martyrium die Angehörigen von Langzeitvermissten erwartet: Die üblichen Rituale des Trauerns und Abschiednehmens bleiben ihnen versagt, das soziale Umfeld geht zunehmend auf Distanz, während die von sozialer Isolation bedrohten Angehörigen weiter mit den spurlos Verschwundenen leben. Bei jeder Familienfeier sind sie als Schattenmenschen zugegen, sitzen mit am Tisch. 3000 Langzeitvermisste, 3000 solcher Schattenmenschen verzeichnet die Statistik des Bundeskriminalamtes alleine für Deutschland.
 Ihr Roman „Bitter Lemon“ beschäftigt sich mit dem Thema Menschenhandel und spielt vorwiegend in Köln…
Das Buch könnte ebenso gut an jedem anderen Ort der Welt spielen, denn das Thema spiegelt ein allgegenwärtiges Problem. Aber so wie ich für meine Bücher nur Themen aufgreife, die ich zuvor gründlich recherchiert habe, so wähle ich grundsätzlich nur Schauplätze aus, die ich gut kenne. Meine Geschichten sind zwar fiktiv, aber wahrhaftig.
 Was hat Sie an dem Thema Menschenhandel interessiert?
Sklavenhandel wäre der bessere Begriff, um diese weltweite Tragödie zu beschreiben. Aber vor diesem Begriff scheuen die Politiker zurück – vielleicht, weil er so hässlich klingt. Noch nie in der Menschheitsgeschichte, weder in der Antike noch zur Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs, gab es auf diesem Planeten in absoluten Zahlen mehr Sklaven als heute, im Zeitalter der Globalisierung. Derzeit leben weltweit mehr als 27 Millionen Menschen in Sklaverei. Der weltweite Jahresgewinn beim Handel mit der Ware Mensch wird auf 32 Milliarden US-Dollar geschätzt. Damit ist der Sklavenhandel inzwischen lukrativer als der illegale Handel mit Waffen.
 Ein Dritte-Welt-Problem?
Das wäre zu einfach. Die Sklaverei ist die hässliche, aber geduldete Schattenseite der Globalisierung. Sklaven schürfen in Afrika nach Gold und Diamanten für den Weltmarkt, Sklaven aus Lateinamerika schuften in den besseren Vierteln US-amerikanischer Großstädte als Hausdiener, Sklaven schlagen in indischen Gruben Pflastersteine, die anschließend für teures Geld in deutschen Baumärkten verkauft werden. In Afrika werden Kinder aus Dörfern geraubt und zu Soldaten abgerichtet, zu Killermaschinen. Pro Jahr werden etwa 30.000 Frauen und Mädchen aus Osteuropa nach Deutschland geschleust und hier zur Prostitution gezwungen. Bevor sie am Zielort eintreffen, wurden die meisten während ihrer Odyssee nach Westen bereits mehrfach vergewaltigt, um ihren Willen zu brechen.
 Wie ließe sich das Problem lösen?
Da gibt es viele Ansätze. Armut und mangelnde Bildung sind Nährböden der Sklaverei. Ferner hat die EU-Erweiterung nach Osten sämtliche Schleusen geöffnet. Deutschland hat jetzt eine gemeinsame Außengrenze mit Moldawien – eines der ärmsten Länder der Welt. Dort kann man eine Frau zum Preis eines gebrauchten Lada kaufen – wohlgemerkt: kaufen, nicht mieten. Der Käufer vermietet die Frau dann an seine Kunden. Drittens: Auch der Handel mit Zwangsprostituierten funktioniert nach den Spielregeln des Kapitalismus. Einen Markt gibt es nur, weil es eine Nachfrage gibt. Auch in Deutschland.
 Sie haben also eine Botschaft? Eine Mission?
Nein. Vielleicht eine Aufgabe. Als Journalist will ich informieren, und als Buchautor eine Geschichte erzählen. Wenn die Leser nach der Lektüre das Buch mit dem Gefühl weglegen, einen kleinen Ausschnitt der Welt nun etwas besser zu verstehen, dann freut mich das sehr. Dann hat sich die Arbeit gelohnt. Damit dies aber überhaupt passiert, müssen die Leser das Buch bis zur letzten Seite gelesen haben. Das tun sie aber nur, wenn sie sich während des Lesens gut unterhalten fühlen. Ich hoffe, diese Aufgabe mit meinen Romanen besser erfüllen zu können, als ich dies mit Sachbüchern könnte.
 Und warum Kriminalromane beziehungsweise politische Thriller?
Weil man über das seit Kain und Abel stets aktuelle Konfliktfeld Gut-Böse so viel über die Menschen lernen kann. Erst in extremen Ausnahmesituationen erfahren wir, ob Worthülsen wie Liebe, Freundschaft oder Solidarität mit Leben erfüllt sind. Das Verbrechen ist leider so alt wie die Menschheit – und gehört wohl zum Menschsein dazu. Noch keine Gesellschaftsordnung hat es geschafft, Verbrechen zu eliminieren.
 In welchem Verhältnis stehen Realität und Fiktion in Ihren Büchern?
Das lässt sich nicht in Prozent beschreiben. Am Anfang steht das Thema. Dann folgt die Recherche; ein langwieriger Prozess. Studium der Fachliteratur, Gespräche mit Experten. Darüber gehen Monate ins Land. Erst wenn ich sicher bin, alles Wesentliche über das Thema zu wissen, entwerfe ich die dazu passende Struktur einer fiktiven Geschichte: Figuren, Schauplätze, Schlüsselszenen, Dramaturgie. Das dann folgende Schreiben ist im Vergleich zur Recherche der geringere Teil der Arbeit.
 Und inwieweit sind Ihre Romane autobiografisch?
Ob beabsichtigt oder nicht: Ein Roman trägt insofern stets autobiografische Züge, weil er zwangsläufig die Summe der im Lauf der Jahrzehnte eingesammelten Lebenserfahrungen des Autors spiegelt. Einen bedeutenden Teil meines Lebens nimmt mein Beruf als Journalist ein. In 39 Berufsjahren durfte ich einer Vielzahl außergewöhnlicher Menschen begegnen, die mich tief beeindruckt haben, deren Sicht auf die Welt meine eigene Sicht auf die Welt geschärft und bereichert haben.